Ansprache zum ökumenischen Kirchenneujahrsempfang am 05.12.2017 in Seelze

(anlässlich des Kirchenneujahrsempfangs der evangelischen und Katholischen Kirche in Seelze, durfte die Koordinatorin des Netzwerkes Anne Panter eine kurze Ansprache halten, diese finden Sie hier)

Ich freue mich immer sehr, wenn ich bei solchen Anlässen von meiner Arbeit, aber ganz besonders von den vielen engagierten Menschen erzählen kann, denen ich begegnen darf.

Es gibt also diese Menschen unter uns, die ich zutiefst für das bewundere, was sie in den vergangenen Jahren geleistet haben. Das sind Menschen wie Sie und ich, sie stehen mitten im Beruf, sind vielleicht schon Rentner*innen, haben kleine, große oder gar keine Kinder, jedenfalls haben diese Menschen sicher einen ausgefüllten und gut gefüllten Alltag gehabt und dennoch haben sie den Entschluss gefasst ihre Herzen für völlig Fremde zu öffnen und zu helfen. Schauen Sie sich mal um, einer oder eine könnte neben ihnen sitzen…

Das sind Menschen, die haben Deutschkurse aus dem Boden gestampft, vor allem für die, die zunächst gar keine offiziellen Kurse besuchen durften.
Das sind Menschen, die haben minderjährige Jugendliche in ihre Familien geholt und wie eigene Kinder behandelt. Mit all dem Freud und Leid dass da so drinsteckt.
Das sind Menschen, die haben sich die Nächte um die Ohren geschlagen um Menschen, die im November mit FlipFlops an den Füßen an dt. Bahnhöfen angekommen sind, Winterjacken und feste Schuhe zu verteilen.
Das sind Menschen, die als Pat*innen jederzeit also Tag und Nacht ansprechbar sind für ihre „Schützlinge“. Die die erste Anlaufstelle sind, wenn ein Behördenbrief kommt oder wenn der Hubschrauber über der Stadt kreist und das Deutsch einfach noch nicht ausreicht um die Berichterstattung zu verstehen, die erklärt was gerade passiert ist und warum der da kreist.

Das sind aber auch Menschen, die sich in ihren Familien oder Freundeskreisen gegen Anfeindungen verteidigen müssen.
Die auch Frusterlebnisse haben, wenn die mühsam gefundene Ausbildung abgebrochen wird.
Die mittendrin stehen, wenn Ehen unter der Wucht der Erlebnisse und des Kultur-Clashs bröckeln.
Die abwägen müssen, welche der „nicht so schönen“ Erlebnisse sie berichten, nur um nicht Wasser auf die Mühlen derer zu gießen, die dann sagen „wir haben’s ja gewusst“.
Und das sind auch die Menschen, die in unserem Staat aufgewachsen sind, die unsere Bürokratie kennen und trotzdem daran verzweifeln, weil Briefe von Behörden manchmal einfach unverständlich und zum verzweifeln sind…

Ein schwerer Job und sicher nichts für Romantiker….

Da ist es um so wichtiger, dass diese Helferinnen und Helfer gut begleitet und unterstützt werden. Vor allem durch das Hauptamt, durch Koordinatorinnen und auch durch Sozialarbeiterinnen, die dann mal sagen: Achtung, hier kannst du abgeben, da kannst du dich hinwenden, achte auf dich…

Diese Helferinnen und Helfer haben aber auch einen riesigen Erfahrungsschatz und ein riesiges Wissen angesammelt. Sie sollten wirklich mehr gehört werden, an den runden Tischen sitzen und ihre Erfahrung weitergeben können. Das geschieht noch längst nicht überall. Leider.

Oft ist die, ich sag mal “Szene der Flüchtlingsarbeit”, auch von Misstrauen, Konkurrenz und fehlender Kommunikation geprägt. Dabei könnten viele Dinge und vor allem viel Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden, würde man nur miteinander reden.

Gestern war ich bei einem Treffen in Garbsen, dort saßen wir mit knapp 10 Ehrenamtlichen zusammen, hatten es nett, es gab Kekse, Tee und Punsch und es sollte besprochen werden, was sich diese Frauen – in diesem Falle alles Frauen – denn im nächsten Jahr von den Koordinatoren wünschen. Meine evangelische Kollegin vor Ort und ich dachten an Fortbildungen und Schulungen, an Input… Diese Damen aber sagten: „das brauchen wir eigentlich alles gar nicht. Wir brauchen – einen Ort um uns auszutauschen und To-Do Listen, was in speziellen Fällen zu unternehmen ist und wo wir uns hinwenden können.“
Das sind Unterstützungen die meine Kollegin und ich gut leisten können.

Dieser Pragmatismus und auch die Bescheidenheit der Helferinnen und Helfer beeindrucken mich immer wieder.
Egal wo und in welchem Zusammenhang man auf Helfer und Helferinnen trifft, man kann diese Haltung spüren, die sie in sich tragen. Und das nicht nur bei Ehrenamtlichen, auch bei Sozialarbeiterinnen oder bei Menschen in Behörden findet man das… Die Haltung nämlich dass der Andere oder die Andere wichtig sind, dass alle es wert sind dass man sich um sie kümmert.
Jede und jeder Einzelne sind wichtig.

Es macht mich froh, dass es solche Menschen mit so einer Haltung gibt und zwar wirklich viele.

In einer Welt, die vor lauter Trumps, Terroristen, Glyphosatskandalen und sonstiger Egoismen doch manchmal etwas bedrohlich wirkt, gibt es Menschen die die Fahne des Guten hochhalten.

 

Von der Politik und der Verwaltung (die dürfen jetzt nicht fehlen) würde ich mir manchmal auch deutlichere, menschlichere Signale wünschen.

Wie kann es sein, dass ein Jobcenter in Arbeit ertrinkt und dennoch Stellen gekürzt werden?
Wie kann es sein, dass der bezahlbare Wohnraum einfach verschwunden ist – und das ja nicht plötzlich sondern über Jahre.
Wie kann es sein, dass wie jetzt in NRW geschehen, überhaupt darüber nachgedacht wird Sozialtickets für den ÖPNV abzuschaffen?
Wie kann es sein, dass Obdachlosenunterkünfte Aufnahmestopp haben, weil sie überfüllt sind und gleichzeitig ehemalige Flüchtlingsunterkünfte leer stehen?
Wie kann es sein, dass ein Mann nach drei Jahren endlich sein Familie nachholen kann und die dann drei Monate von seinem wenigen Geld leben müssen, weil Anträge nicht bearbeitet werden?

Es gibt auf diese Fragen sicher ganz logische Antworten, keine Frage.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich vermisse sowohl in den Entscheidungen, als auch in den Antworten die die Politik dann so trifft oder gibt, oft den menschlichen roten Faden.

Als Christinnen und Christen, ich würde sogar so weit gehen zu sagen, als Menschen, sind wir zu tätiger Solidarität, zur Nächstenliebe aufgerufen.
Das ist es was uns auszeichnen sollte.
Wir sollten Anwältinnen und Anwälte derer sein, die zu Wenige oder zu Schwach sind um eine Lobby zu haben, egal ob Geflüchtete, Obdachlose, Alleinerziehende, Behinderte…
Das tolle ist, wir können das von überall machen. Als Ehrenamtliche, als Hauptamtliche, an unserer Arbeitsstelle, in der Politik…
Das beinhaltet vielleicht, dass man sein eigenes, weniges teilen muss.
Das heißt vielleicht auch, dass man aus der eigenen Komfortzone raus muss und sich mit fremden Kulturen auseinandersetzen muss…

Aber das was man zurück bekommt, nämlich die dankbaren Gespräche oder Mails, die Freundschaften, das Gefühl etwas Gutes getan zu haben und die Welt ein Stückchen besser gemacht zu haben. Das ist doch wertvoller als so Vieles, dem wir nachjagen…

Meister Eckhart ein Mystiker aus dem 13. Jh. hat in einem seiner Traktate gesagt:

„Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige;
immer ist der wichtigste Mensch der, der dir gerade gegenübersteht;
immer ist die wichtigste Tat die Liebe.“

Ich wünsche uns allen jetzt für die Adventszeit, aber eigentlich für immer, dass wir uns genau darauf besinnen.
Seien Wir aufmerksam und achtsam mit den Menschen denen wir begegnen.
Treten wir für Sie ein.
Lieben Wir.
Dann machen wir genau das was Gott von uns will.

Danke
Anne Panter