Interkulturelle Kompetenz, was ist das eigentlich? – Ein Interview.

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Annelie Tattenberg

Unsere Welt wächst zusammen und wir müssen lernen mit den vielen neuen Eindrücken und den uns fremden Menschen und Kulturen umzugehen. Wie das gehen kann, verrät uns heute Annelie Tattenberg im Interview. Sie ist zertifizierte Trainerin und Coach für interkulturelle Kompetenz und außerdem Lehrbeauftragte für das Fach “Intercultural Competence” im Studiengang Journalistik an der Hochschule Hannover.

Frau Tattenberg, was bedeutet interkulturelle Kompetenz eigentlich? Hat man das einfach oder kann man das lernen? 
Allgemein gilt interkulturelle Kompetenz als die Fähigkeit, mit Unterschieden umgehen zu können. Der Umgang mit problematischen Haltungen wie Stereotypisierung, Rassismus und Diskriminierung ist damit nicht gemeint. Daher ist es wichtig in diesem Zusammenhang zunächst einmal zu definieren, um welche Unterschiede es gehen könnte.
Interkulturelle Unterschiede gehen für mich deutlich über Nationalität und Religion hinaus.
Diese in der Persönlichkeit manifestierten Unterschiede können zum Beispiel sein:
• Innere Dimension: ethnische Zugehörigkeit, Religion und Weltanschauung, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, physische Fähigkeiten
• Äußere Dimension: Elternschaft, Familienstand, Einkommen, Gewohnheiten, Freizeitverhalten, Ausbildung
• Organisatorische Dimension: Funktion, Einstufung, Arbeitsinhalte/-feld, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Gewerkschaftszugehörigkeit
Sicher ist es wichtig, Unterschiede zu betrachten, da diese einen nicht unerheblichen Anteil an der Entstehung von Missverständnissen, Reibungsverlusten und Konflikten im Miteinander haben. Meiner Erfahrung nach ist es jedoch ein Fehler, sich allein auf Unterschiede zu fokussieren. Stattdessen ist es sinnvoll, auch Gemeinsamkeiten zu würdigen und ausgehend von diesen zu überlegen, welche Unterschiede vorliegen und wie man mit diesen umgehen könnte.
Die Kultur, also das Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind, unsere Erfahrungen und unsere Werte beeinflussen unsere Wahrnehmung sowie unser Denken und Handeln.
Wie durch eine Brille, die ja ebenfalls individuell angepasst wird, nehmen wir die Welt wahr. Die Existenz dieser „kulturellen Brille“ und ihre Einflüsse auf unsere Wahrnehmung sind uns allerdings oft nicht bewusst. Daher glaube ich nicht, dass man einfach von Geburt an interkulturell kompetent ist.
Interkulturell kompetente Personen sollten die Fähigkeit besitzen, den jeweils Anderen nicht durch einen Blick durch die eigene „kulturelle Brille“ zu beurteilen, sondern ihn mit seiner Kultur anzuerkennen. Man sollte sich vergewissern, dass man die Unterschiede zwischen sich selbst und seinem Gegenüber nicht wertend (also durch die „kulturelle Brille“) betrachtet, sondern wertneutral. Außerdem sollte man bedenken, dass sowohl die eigene Wahrnehmung als auch die des Gegenübers von der jeweiligen „kulturelle Brille“ geprägt ist. Nur durch einen solchen Ansatz gelingt es, ein interkulturelles Verständnis zu entwickeln.
Interkulturelle Kompetenz ist durchaus erlernbar und umfasst für mich sowohl die Auseinandersetzung mit der eigenen „kulturellen Brille“ als auch eine interkulturelle Sensibilisierung. Allerdings unterscheidet sich das Erlernen interkultureller Kompetenz deutlich von dem Lernen von beispielsweise Vokabeln. Interkulturelles Lernen bedeutet, kulturbedingte Unterschiede im Denken, Fühlen und Handeln zu verstehen, zu respektieren und adäquat damit umgehen zu können.
Wie in der abgebildeten Grafik zu sehen läuft interkulturelles Lernen in 3 Phasen ab.

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In der emotionalen Phase (1. Phase) wird man sich der Relativität eigener Werte, Empfindungen und Denk- und Verhaltensweisen bewusst. In der darauffolgenden Phase, der kognitiven Phase, entsteht so etwas wie ein Verständnis für die Funktionsweisen kultureller Systeme. In dieser Phase  beschäftigt man sich mit dem Thema und erweitert sein interkulturelles Wissen. Auf die kognitive Phase folgt die Handlungsphase, in der das eigene Verhalten in interkulturellen Situationen  angepasst wird, um das Erreichen von gesetzten Zielen zu erleichtern.
Interkulturelles Lernen hat also sehr viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, zum Beispiel mit Frustrationstoleranz, Reflektionsfähigkeit, Offenheit, Flexibilität, Lernbereitschaft, Kommunikationsverhalten und Konfliktlösefähigkeit. Insofern ist dann zum Beispiel die Bereitschaft gefordert, ungewohnte Situationen auszuhalten, sich auch durch Rückschläge („Tritte ins Fettnäpfchen“) nicht vom begonnenen Weg abbringen zu lassen und gleichzeitig eine gewisse Neugier zu erhalten.

Was glauben Sie, sind die Chancen und Herausforderungen wenn verschiedene Kulturen zusammenleben? 
Für mich sind die Chancen eine vielfältige Gesellschaft und somit ein bunteres Leben. Es bietet jedem Einzelnen die Möglichkeit, neue Dinge und neue Perspektiven kennenzulernen und sich mit anderen Herangehensweisen an bestimmte Themen vertraut zu machen. Dabei geht es nicht darum, die eigene „kulturelle Brille“ durch eine andere auszutauschen sondern vielmehr um das Erweitern des eigenen Horizontes und somit darum, ein grundlegendes Verständnis für andere Kulturen zu entwickeln.
Ein Beispiel für eine aus der Situation entstehende Herausforderung ist das Zusammenleben zweier Personen, die die Besonderheiten der jeweils anderen Kultur entweder nicht kennen oder gar nicht bereit sind, Rücksicht auf die besagten kulturellen Besonderheiten zu nehmen. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen ist von der Haltung beider Parteien abhängig. Vertritt eine der Parteien allerdings problematische Standpunkte wie rassistische/diskriminierende Haltungen oder Vorurteile, so machen diese ein Zusammenleben sehr schwierig.
Für ein konfliktarmes Miteinander ist es wichtig, dass sich alle Beteiligten der Existenz und den Effekten ihrer „kulturellen Brille“ bewusst sind und sie miteinbeziehen, dass auch die Wahrnehmung ihres Gegenübers von einer solchen Brille beeinflusst wird. Mangelt es an interkultureller Kompetenz kann die Erwartung entstehen, dass das Gegenüber das eigene Wertesystem teilt, was das Zusammenleben beider Parteien deutlich erschweren kann. Auch eine an die andere Kultur angepasste Kommunikation spielt für das Gelingen dieses Vorhabens eine nicht unerhebliche Rolle.

Was können wir konkret tun? Wie müssen wir uns mit unseren Nachbarn und im Stadtteil organisieren, wenn wir gut zusammenleben möchten? 
Für ein gutes Zusammenleben ist auf jeden Fall ein offener und ehrlicher Dialog notwendig. Wir sollten das Gespräch mit unserer Nachbarin/unserem Nachbarn suchen und uns für ihre/seine bisherigen Lebensstationen interessieren. Das zeigt Anteilnahme, bietet die Möglichkeit eines Austausches, hilft beim Kennenlernen und dabei auszuloten, wie man das Miteinander gestalten möchte. Ein offener Dialog verhindert das Treffen von Annahmen auf Grund derer möglicherweise falsche Schlussfolgerungen zu Handlungen führen, die beide Seiten als unbefriedigend empfinden.
Es ist wichtig zu verstehen, dass jeder aktiv das Leben des Stadtteils/der Nachbarschaft mitgestalten und somit Einfluss nehmen kann. Durch Projekte und Initiativen wie beispielsweise Nachbarschaftshilfen oder internationale Kochabende besteht die Möglichkeit Menschen, die gemeinsame Interessen teilen, zusammenzubringen. Idealerweise finden sich durch solche Initiativen Menschen, die auch andere Interessen miteinander teilen. Ein Engagement ist ja jederzeit auch außerhalb von Vereins- oder Verbandsstrukturen möglich und kann ein verständnisvolles und unterstützendes Zusammenleben zugunsten aller fördern.

Herzlichen Dank Frau Tattenberg.

Fragen: Anne Panter